Leseförderung durch Vorlesen

Das Vorlesen in den Fokus einer Studie zu stellen, hat unterschiedliche Gründe:

  • Zunächst geht es um die Weitergabe einer kulturellen und literarischen Tradition (Vorlesen in der Familie, Autorenlesungen), die so vielfach nicht mehr gewährleistet ist (vgl. z.B. Bahn-Studien 2007 und 2008). Während das Vorlesen in den Grundschulen in der Regel zu einem Ritual geworden ist, findet es in der Sekundarstufe meist nicht mehr statt. Vorlesesituationen gehören hier in vielen Schulen zu den Ausnahmen im Unterrichtsalltag.

  • Den Lehrkräften der Hauptschule kommt deshalb in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle zu: Sie sind Lesevorbild und Lesemodell für SchülerInnen. Indem Lehrkräfte ihren SchülerInnen in der Sekundarstufe vorlesen, bieten sie dieser Zielgruppe Lernmodelle an, an denen sich die SchülerInnen orientieren können.

  • Gleichzeitig übt die Lehrkraft in dieser Position eine Brückenfunktion aus. Diese „Brücke“ besteht darin, dass SchülerInnen - trotz geringer Lesefähigkeit - am literarischen Leben teilnehmen können. Die Lehrkraft ist Vermittler zwischen der lesefernen Lebenswirklichkeit der SchülerInnen und der literarischen Welt der Bücher. Über das Vorlesen haben v. a. die leseschwachen SchülerInnen die Möglichkeit, Literatur zu erfahren, über sie zu reflektieren und darüber zu sprechen. Die Lehrkräfte schaffen im Rahmen von Vorlesesituationen die Bühne für das Zusammentreffen dieser beiden Welten.

  • Ziel dieser Begegnung ist es, Interesse und Neugier für Literatur zu wecken, die für SchülerInnen auf Grund der eigenen, von Misserfolgen geprägten Leseerfahrungen meist negativ bewertet wird.

  • Geschaffen wird dieses neue Interesse, indem ausschließlich zugehört und nicht gelesen werden muss. Beim Vorlesen entfällt das eigene, mühsame Dekodieren des Textes. Durch diese Entlastung wird die durch das Dekodieren blockierte Verarbeitungskapazität frei für Verstehensleistungen.

  • Literarische Texte werden leichter verstanden als Sachtexte (Wellenreuther, 2008). Das Vorlesen von literarischen Texten erleichtert deshalb die Verstehensprozesse der lesefernen SchülerInnen.

  • Daneben werden Zuhören und Kon-zentration und damit ebenfalls das Verstehen geschult - bei entsprechend anregender Lektüre und einer interessanten Art des Vorlesens.

  • Die basale Fähigkeit des Lesens besteht darin - über die Dekodierprozesse hinaus - aus den Buchstaben innere Vorstellungsbilder zu erzeugen. Vorlesen trainiert und erhöht damit die Vorstellungsfähigkeit (Imagination) der SchülerInnen, die sich aus dem Gehörten Situationen vorstellen können („Kopfkino“).

  • Dieses „En-passant-Training“ von Vorstellungsbildern erhöht zugleich die Möglichkeit des Verstehens von Texten – auch wenn sie nicht selbst gelesen werden. Hier schulen wir eine basale und universelle Fähigkeit für alle Kommunikationssituationen und für alle Tätigkeiten in allen Berufen. Das Training der Vorstellungen von Situationen erlaubt es, sich in diese Konstellation hineinzuversetzen. Es ermöglicht zugleich, zukünftige, darauf aufbauende oder mögliche andere Situationen zu antizipieren (Empathie-Training).

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